Kompetenz oder Resonanz?

Man hört in letzter Zeit viel von dem Soziologen Hartmut Rosa. Sein Hauptwerk „Resonanz“ ist bei dem renommierten Verlag Suhrkamp erschienen, das will was heißen. Worum geht es? Wenn man es ganz kurz sagen will: um die These, dass wir uns in einem Aggressionsverhältnis zur Welt verstrickt haben; getrieben arbeiten wir uns an der Welt ab. Wir „bewältigen“ Welt. Bewältigen! Der Begriff ist verwandt mit: Überwältigen, Gewalt. Wir sind mit uns selbst beschäftigt, unseren Wünschen, Vorstellungen, Träumen, Problemen, und wir mühen uns ab, die Welt, unser Leben, unsere Lebensumstände so zurechtzubiegen, bis sie unseren Träumen entspricht. Das ist ein einseitiges Verhältnis zur Welt. Einseitig, insofern wir bestimmen und gestalten, wie unser Leben und unsere Welt aussehen sollen. Sie soll unseren „Träumen“ entsprechen. Traumjob, Traumurlaub, Traumfrau, Traummann.

Worin liegt hier das Problem? Nach Hartmut Rosa darin, dass ein einseitiges Verhältnis ein Nichtverhältnis ist. Wir befinden uns überhaupt nicht in einem Verhältnis zur irgendetwas oder irgendwem, sondern wir sind allein mit uns selbst beschäftigt. In einem neuem Buch von Hartmut Rosa kann man lesen, dass wir damit aufhören müssen. Der Titel: Demokratie braucht Religion. Religion? Keine Angst, das Vorwort ist von Gregor Gysi geschrieben, der hat mit Religion nichts am Hut. Aber was meint: Mit dem Aggressionsverhältnis aufhören?

Aufhören! Das Ausrufezeichen ist eher von Hartmut Rosa als von mir. Der Begriff „Aufhören“ ist verwandt mit: Hören! „Hör auf!“ meint nicht nur: Komm mal zum Schluss! Lass das sein! Sondern es meint auch: Merke doch mal auf! Höre hin! Mach nicht nur, sondern lass auch mir dir machen! Verändere nicht nur, sondern lass dich auch verändern! Du willst aber deinen Traum realisieren? Vielleicht ist das dein Problem! Hör hin! Da will dich etwas wegbringen von deinem Traum, deinen Vorstellungen und Plänen. Lasse es zu! Nicht du musst bestimmen, wo du am Ende landest! Das nennt Hartmut Rosa: Resonanz. Damit meint er ein beidseitiges Verhältnis zwischen mir und dem Anderen, d.h. eine echtes Verhältnis.

Warum schreibe ich das? Nun, man möchte meinen, dass Schule einem solchen Verhältnis Raum geben sollte. Schule sollte doch auch heißen: ich lasse mich verändern; ich lasse zu, in der Schule zu einem anderen zu werden. Oder: Schule sollte ein Ort sein, wo man zuhören kann.

Aber worum meinen Ministerien und Didaktik- Pädagogiklehrstühle, dass es in der Schule gehen soll? Kompetenz! Was ist Kompetenz? Um diesen Begriff ist eine ganz (Pseudo-) Wissenschaft entstanden. Viele wissenschaftliche und ministerielle Karrieren verdanken sich diesem Begriff. Eins dürfte dabei allen überall klar sein: Kompetenz meint in irgendeiner Form immer Fähigkeit. Und Hartmut Rosas Resonanz? Er schreibt: „es ist nicht nur eine Fähigkeit.“ (S. 57). Bei Weinert, dem wir das Kompetenzkonzept an Schule und Universitäten zu verdanken haben, kann man nachlesen, dass Kompetenzen verfügbare Fähigkeiten sind. Bei Hartmut Rosa lesen wir: ein wesentliches Moment von Resonanzverhältnissen ist ihre „Unverfügbarkeit“ (S. 64)

Schulen, die auf alles – auch auf Burnout und Depression und Essstörungen und … – mit Kompetenztrainingshamsterrädern reagieren, hören offenbar einfach nicht auf.

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